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2. Der Moment des Stotterns

2. 1. Die Auslöser: falsche Fehlermeldungen

Willem Levelt formulierte als Grundregel oder Arbeitsprinzip für das automatische, weitgehend unbewusste Monitoringsystem die Main Interruption Rule: „Unterbrich sofort den Sprachfluss, wenn du ein Problem bemerkst“ [1]. Ein Problem bemerken bedeutet, eine Nichtübereinstimmung zwischen Wahrnehmung und Erwartung festzustellen. Dabei nehme ich an, dass der Monitor rein phonologisch arbeitet, das heißt, er vergleicht die wahrgenommene Lautfolge mit der erwarteten Lautfolge und bewertet jede Abweichung als Fehler (siehe hierzu Kochendörfer: Kortikale Linguistik, Abschnitt 2.5.4.). Im Fall einer Abweichung unterbricht der Monitor also automatisch den Sprachfluss, und lenkt gleichzeitig die Aufmerksamkeit des Sprechers auf das gerade Gesagte. Wenn der Sprecher sich sich des Fehlers bewusst geworden ist, wird er in der Regel die Unterbrechung akzeptieren und den Fehler verbessern.

Eine Nichtübereinstimmung, ein ''Mismatch'' zwischen der erwarteten und der wahrgenommenen Form einer Sprecheinheit kann jedoch auch dann entstehen, wenn die äußere Rückmeldung plötzlich unterbrochen oder gestört wird (die Frage nach der Ursache dafür wird später erörtert). Angenommen, es kommt zu einer solchen Unterbrechung oder Störung: Das Rückmeldungssignal ist dann fehlerhaft. Der Monitor erwartet aber ein korrektes Signal und wird ein Mismatch zwischen Erwartung und Wahrnehmung feststellen. Das Problem ist nun, dass der Monitor nicht zwischen einem Mismatch aufgrund eines tatsächlichen Sprechfehlers und einem Mismatch aufgrund eines bloßen Übertragungsfehlers unterscheiden kann. Der Monitor reagiert daher auf die gleiche Weise wie auf einen Versprecher und unterbricht den Sprachfluss. Genau dies ist, denke ich, der Moment, in dem Stottern entsteht: Es kommt zur Blockierung eines – zumindest im Gehirn, oft aber auch hörbar – bereits gestarteten Sprechprogramms. Die äußerlich beobachtbaren Symptome werden dadurch hervorgerufen, dass der Sprecher, der sich keines Fehlers bewusst ist, versucht, weiterzusprechen  (mehr...) . In Abbildung 5 ist das Verhalten das Monitors dargestellt: links die Reaktion auf einen Versprecher und rechts die Reaktion auf eine Störung der auditiven Rückmeldung.

Stottern Ursache: falsche Fehlermeldung

Abb. 5: Sprechfehlererkennung (links) und Stottern (rechts) basieren auf demselben Mechanismus: Der interne Monitor (im Kreis) verhält sich in beiden Fällen gleich. MIR = Main Interruption Rule.

Eine ganz ähnliche Erklärung hatten bereits 1957 Maraist und Hutton vorgeschlagen: Beim Stottern, so nahmen sie an, „missevaluiert eine Person ihr Sprechen an irgendeinem Punkt im Steuerungssystem und findet einen Fehler, wo in Wirklichkeit kein Fehler ist.“ [2]. Maraist und Hutton glaubten allerdings, Stottern würde durch das Bemühen verursacht, solche nicht existierenden Fehler zu korrigieren. Dagegen denke ich: Die Blockierung des Sprachflusses aufgrund der falschen Fehlermeldung ist eine automatische Reaktion des Monitors gemäß der Main Interruption Rule, und die Person versucht nicht, einen Fehler zu korrigieren – im Gegenteil, sie ist bemüht, weiterzureden, und gerade das ist die Ursache der Stottersymptome  (mehr...) .

Man kann es auch so sagen: Wenn der Monitor auf einen echten Sprechfehler reagiert, werden zwei Vorgänge ausgelöst: erstens wird auf der motorischen Ebene automatisch das Weitersprechen blockiert, und zweitens schaltet das System – sozusagen auf der geistigen Ebene – vom Modus „Weitersprechen wie geplant“ in den Modus „Versprecher korrigieren“ um. Bei der Reaktion des Monitors auf eine falsche Fehlermeldung wird dagegen nur der erste Vorgang – die motorische Blockierung – ausgelöst, ohne dass das ganze System in einen anderen Modus umschaltet.

Die Erklärung, dass Stottern infolge einer falschen Fehlermeldung auftritt, hat auch eine gewisse Ähnlichkeit mit der Covert Repair Hypothesis von Albert Postma und Herman Kolk [3]. Aber während Postma und Kolk einen echten Sprechplanungsfehler und dessen verdeckte, präartikulatorische Reparatur vermuteten, nehme ich keinerlei Planungsfehler beim Stottern an: Der einzige Grund, dass das Monitoringsystem wie auf einen Sprechfehler reagiert, ist der, dass es nicht unterscheiden kann zwischen einem Mismatch infolge eines Sprechfehlers und einem Mismatch infolge einer gestörten Rückmeldung.

Es ist allerdings ein Problem zu berücksichtigen: Im Abschnitt 1.4. hatte ich geschrieben, dass die Erwartung der korrekten Lautfolge einer Sprecheinheit auf der Grundlage der auditiven Rückmeldung gebildet wird. Das heißt, die auditive Rückmeldung ist die Basis des Monitorings, und es stellt sich die Frage, ob im Fall einer Störung oder Unterbrechung der Rückmeldung der Monitor überhaupt funktionieren kann. Er kann es nur dann, wenn die auditive Rückmeldung nicht durchgängig gestört ist. Die Rückmelde-Information muss ausreichen, um die produzierten Wörter oder Phrasen zu erkennen. Dazu genügen aber i.d.R. die Anfänge dieser Sprecheinheiten (siehe Abschnitt 1.4.), zumal das Wissen um die beabsichtigte Botschaft als semantische Kontext-Information hinzukommt. Man kann deshalb annehmen, dass Unterbrechungen oder Störungen der auditiven Rückmeldung im hinteren Bereich von Sprecheinheiten die Bildung der korrekten Erwartungen nicht beeinträchtigen  (mehr...) .

Der Monitor wird dann wie sonst seinen Dienst tun und auf die echten Versprecher reagieren. Doch er wird auf eine Rückmeldungsstörung am Ende einer Sprecheinheit genau wie auf einen Sprechfehler reagieren – also etwa so, als sei das Wort oder die Phrase nicht bis zu Ende gesprochen worden. Auch wenn die Störung nicht erst am Ende, sondern in der Mitte der Einhait suftritt, wird die Fehlermeldung erst am Ende generiert werden, denn für die Erwartungsbildung und für den Vergleich der Wahrnehmung mit der Erwartung wird Zeit benötigt (mehr...). Von der Blockierung des Sprachflusses wird in diesen Fällen erst das Sprechprogramm der nachfolgenden Einheit betroffen sein – allerdings erst nach einer Reaktionszeit. Deshalb kann der Sprecher das Programm meist noch starten und die Anfangslaute des nächsten Wortes sprechen, manchmal sogar die komplette erste Silbe des Wortes oder das erste Wort einer Phrase. Nach dem Wirksamwerden der Blockierung erfolgen dann entweder weitere Startversuche des Programms, jeweils bis zum Punkt der Blockierung, oder das Programm bleibt in der Blockierung „hängen“ – so entstehen die typischen Stottersymptome Wiederholung und Dehnung.

Welche Art Symptom im Einzelfall auftritt, dürfte vor allem von zwei Faktoren abhängen: davon, welcher Laut betroffen ist (Plosive beispielsweise können nicht gedehnt werden) und vom Grad der muskulären Anspannung (bei größerer Anspannung größere Tendenz zu tonischem Stottern: Aus „Me-me-monika“ wird „Mmmonika“, aus „Pe-pe-peter“ wird „P – – peter.“). Tritt Stottern innerhalb von Silben auf, was meistens der Fall ist, dann wird der Sprachfluss oft vor dem Silbenkern (dem Vokal oder Doppelvokal) blockiert. Der Grund dafür könnte sein, dass die Blockierung einer Silbe immer auf dieselbe Art erfolgt – nämlich durch Blockierung des Vokals  (mehr...) . Wenn das zutrifft, dann sind Dehnungen von Konsonanten oder stumme Blocks auf Plosiven vor dem Vokal stets die Folge muskulärer Anspannung. Der Umstand, dass der Silbenabbruch beim Stottern gewissen Regeln folgt, kann als Indiz dafür genommen werden, dass es sich beim Stottern nicht um einen Zusammenbruch der Steuerung (breakdown) handelt, sondern um ein regelhaftes Verhalten des Systems. – Nun kann eine vorläufige Definition des Stotterns gegeben werden:

Ein Stotterereignis ist die Blockierung eines Sprechprogramms aufgrund einer falschen Fehlermeldung im Monitoringsystem, verursacht durch eine gestörte auditive Rückmeldung im hinteren Bereich der vorangegangenen Sprecheinheit.

Diese Definition ist einheitlich in dem Sinne, dass die drei Typen der Kernsymptomatik – Wiederholungen, Dehnungen und stumme Blockaden – auf dieselbe Weise erklärt werden, nämlich verursacht durch eine automatische Blockierung des Sprachflusses. Die oberflächlichen Symptome entstehen durch die spontane Reaktion des Sprechers, der sich keines Fehlers bewusst ist und versucht, trotz der Blockierung weiterzusprechen.

Die vorgeschlagene Definition unterscheidet Stotterereignisse klar von normalen, durch Verzögerungen in der Sprechplanung verursachten Unflüssigkeiten – ungewollten Sprechpausen, die mit Wortwiederholungen oder üblichen Füllseln wie „äh“ überbrückt werden können. Im Gegensatz zu solchen normalen Unflüssigkeiten entsteht ein Stotterereignis, wie es hier definiert ist, niemals durch eine Verzögerung innerhalb der Sprechplanung. Ein Stotterereignis kann nur dann auftreten, wenn ein bestimmtes Sprechprogramm gerade gestartet werden soll oder bereits gestartet ist. Der Sprecher ist also im Begriff, eine ganz bestimmte Lautsequenz zu artikulieren und wird dabei blockiert. Der Stotternde weiß stets genau, welches Wort er sagen will und nicht heraus bekommt – Stottern wird also nicht durch eine Störung oder Verzögerung der Sprechplanung verursacht. Die klare Unterscheidung zwischen Stottern und normalen Sprechunflüssigkeiten wird bestätigt durch Jing Jiang und Kollegen, die unterschiedliche Hirnaktivierungsmuster für stottertypische und normale Unflüssigkeiten fanden, was auf eine unterschiedliche Verursachung hindeutet [4].

Aufgrund der Zeit, die für die Erwartungsbildung und den Vergleich zwischen Wahrnehmung und Erwartung benötigt wird, kommt es im Falle einer Störung der auditiven Rückmeldung erst am Ende eines Wortes zu einer falschen Fehlermeldung. Dadurch wird die nächste Sprecheinheit beim Starten oder in ihrem Anfangsbereich blockiert. Dies liefert eine Erklärung dafür, dass Wörter meistens auf ihrer ersten Silbe gestottert werden. Ist ein Sprechprogramm für eine Phrase blockiert, die mit einem kurzen Funktionswort, z.B, einem Artikel oder einer Präposition beginnt, wird nicht selten dieses Wort als Ganzes wiederholt. Wird dagegen eine Silbe innerhalb eines Wortes gestottert, so mag der Grund der sein, dass der Sprecher in dem Bemühen, sorgfältig zu artikulieren (vielleicht weil er Schwierigkeiten erwartet) das Sprechprogramm des Wortes zerlegt und jede Silbe einzeln startet. Oliver Bloodstein hat beobachtet, dass fast alle kleinen Kinder die Wörter fragmentieren, also in kleinere Einheiten zerlegen, wenn sie versuchen, eine Äußerung hervorzubringen, die sie motorisch oder linguistisch anspruchsvoll finden [5]. Derartige Fragmentierungen können auch die Ursache für Stottern innerhalb von Wörtern sein: In diesen Fällen ist nicht das Sprechprogramm für ein Wort blockiert, sondern das für eine einzelne Silbe, weil das Ende der vorhergehenden Silbe infolge der Rückmeldungsstörung vom Monitor nicht erkannt wurde.

Das Gegenteil der Fragmentierung von Sprechprogrammen ist die Produktion langer Redepassagen durch ein einziges Sprechprogramm wie beim Rezitieren eines auswendiggelernten Gedichtes oder beim Sprechen einer Bühnenrolle (siehe Abschnitt 1. 2.) . Die erstaunliche Tatsache, dass manche Stotterer dabei flüssig sprechen, dürfte unter anderem dadurch zu erklären sein, dass sie in diesen Situationen ihrer automatischen Sprechsteuerung vertrauen und das Programm nicht fragmentieren, sondern es als Ganzes „abspulen“.

Einen empirischen Nachweis für die oben postulierten falschen Fehlermeldungen als Auslöser des Stotterns gibt es bislang nicht. Allerdings zeigen viele bildgebende Studien der Hirnaktivierung bei Stotterern, einschließlich der beiden bisher durchgeführten Meta-Analysen solcher Studien [13], dass das Kleinhirn eine zentrale Rolle beim Stottern spielt. Die Überaktivierung des Kleinhirns ist oft positiv mit der Stotterstärke korreliert, d.h. je größer die Aktivierungen im Kleinhirn, um so stärker ist tendenziell das Stottern [14]. Andererseits kann eine Schwächung der Funktion des Kleinhirns infolge einer Läsion zum Verschwinden des Stotterns führen  (mehr...) .

Diese Befunde sind hier deshalb von Interesse, weil das Kleinhirn anscheinend eine zentrale Rolle bei der Registrierung motorischer Fehler auf der Basis der sensorischen Rückmeldung und bei der Korrektur solcher Fehler spielt [15]. So scheint das Kleinhirn bei Bewegungen der Hand Diskrepanzen zwischen erwarteten und wahrgenommenen sensorischen Konsequenzen zu signalisieren [16]. In einer PET-Studie [17] wurde ein Areal im links seitlich im Kleinhirn gefunden, dessen Aktivität mit zunehmender Übung eines Bewegungsablaufs abnahm, was vermutlich mit einer Verminderung der Fehlerzahl zu tun hatte, denn in zwei ihrer Experimente stellten sie eine signifikante Korrelation zwischen der Abnahme der Fehlerzahl und der Verminderung der Aktivität in diesem Bereich des Kleinhirns fest. In einer fMRT-Studie [18] wurde ein Zusammenhang zwischen der Größe motorischer Fehler und Korrekturen einerseits und der Kleinhirn-Aktivität andererseits gefunden. In zwei anderen fMRT-Studien [19] wurde festgestellt, dass das Kleinhirn dann besonders aktiv war, wenn Bewegungen über die sensorische Rückmeldung gesteuert wurden, was vermuten lässt, dass das Kleinhirn besonders bei der Einbeziehung von Rückmelde-Informationen in die motorische Steuerung eine Rolle spielt.

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Fußnoten

Phonologisches Monitoring

Das phonologische Monitoring betrifft die Reihenfolge und Vollständigkeit der Silben und Laute in einem Wort, das syntaktische Monitoring die Reihenfolge und Vollständigkeit der Teile eines Satzes. In diesen beiden Formen des Monitorings geht es um die Form, um das Vergleichen einer wahrgenommenen mit einer erwarteten Struktur, und nicht um die Feststellung inhaltlicher, also semantischer Fehler. Es wurde schon darauf hingewiesen, dass das Gehirn auf syntaktische Fehler im Satzbau (Phrasenstrukturverletzungen) schneller reagiert als auf semantische Fehler. Semantische Fehler – Wörter oder Sätze, die formal korrekt sind, die jedoch keinen Sinn ergeben oder nicht den vom Sprecher gemeinten Sinn – können erst erkannt werden, nachdem die Bedeutung der über die auditive Rückmeldung wahrgenommenen Wörter verstanden wurde. Für das Erkennen phonologischer Fehler in Wörtern genügt es dagegen, die Wortform zu erkennen, ohne Verknüpfungen zu Bedeutungen (also zu anderen Wörtern oder nonverbalen Gedächtnisinhalten – siehe Fußnote „Wortinhalte“ im Abschnitt 1. 2.) herzustellen. Ein phonologischer Fehler ist z.B. die unvollständige Artikulation eines Wortes. Für unser Thema ist nur das phonologische Monitoring vnn Bedeutung. Wie einfach ein Monitor aufgebaut sein kann, der nichts weiter als ein Mismatch zwischen einer erwarteten und einer wahrgenommenen Lautfolge registriert, hat Günter Kochendörfer im Teil 5 seiner „Kortikalen Linguistik“ dargestellt (siehe dort Abb. 5.4.1.- 4 auf Seite 98). Er bezeichnet diese neuronale Verschaltung als „Watchdog“.

Es ist wichtig, zu verstehen, dass die Unterbrechung des Redeflusses nicht deshalb erfolgt, weil der Sprecher einen Fehler bemerkt hat, sondern weil der Monitor, also eine automatische Kontrollinstanz im Gehirn, eine Nichtübereinstimmung (ein Mismatch) von Wahrnehmung und Erwartung registriert hat. Erst die Reaktion des Monitors auf dieses Mismatch führt dazu, dass die Aufmerksamkeit des Sprechers in den Modus 'Fehlererkennung / Korrektur' umschaltet: Die Aufmerksamkeit des Sprechers ist nun nicht mehr auf das gerichtet, was er/sie gerade sagen will, sondern auf das, was er/sie gerade gesagt hat. Dass wir trotzdem glauben, wir würden die Rede unterbrechen, weil wir einen Fehler bemerkt haben, mag einerseits unserer Neigung geschuldet sein, unser Verhalten rational zu erklären, andererseits dem Umstand, dass nicht nur für die bewusste Fehler-Erkennung, sondern auch (1) für die Auslösung der Artikulations-Unterbrechung und (2) für die bewusste Wahrnehmung dieser Unterbrechung Zeit benötigt wird. Es ist also durchaus möglich, dass auf der Ebene des Bewusstseins die Wahrnehmung der Redefluss-Unterbrechung nach der Fehler-Erkenneng erfolgt.  (zurück) 
 

Die Erwartungsfehler-Hypothese

Der Hypothese von Maraist und Hutton nicht unähnlich ist eine neuere Hypothese, die von Gregory Hickok, John Houde und Feng Rong vorgeschlagen wurde [9]; Auch sie nehmen an, dass falsche Fehlermeldungen ("invalid error signals") des Monitors das Stottern auslösen, und dass diese falschen Fehlermeldungen durch eine falsche Bewertung der Rückmelde-Information entstehen. Das Mismatch entsteht hier durch falsche oder ungenaue ("noisy") Erwartungen, die auf der Basis der motorischen Kommandos und ungenauer oder instabiler innerer Modelle des Vokaltraktes erzeugt werden. Es handelt sich bei diesen Erwartungen also um eine Art Efferenzkopien (siehe Abschnitt 1.4.). Durch die falsche Fehlermeldung werden falsche und ungenaue motorische Korrekturbefehle ausgelöst, die das Stottern bewirken.

Eine ähnliche Hypothese hatten zuvor schon Ludo Max, Frank Guenther und andere auf der Grundlage des DIVA-Modells vorgeschlagen [10]. Doch abgesehen davon, dass instabile innere Modelle oder ungenaue Erwartungen nicht nachgewiesen sind: Wenn es sie gäbe, sollten sie das Monitoring insgesamt beeinträchtigen und, anstatt falsche Fehlermeldungen auszulösen, das Erkennen echter Fehler behindern. Außerdem kann diese Hypothese nicht erklären, warum Stottern nicht bereits beim Beginn des kindlichen Sprechens auftritt – zu einem Zeitpunkt, an dem die inneren Modelle und die generierten Erwartungen tatsächlich noch ungenau und instabil sein könnten. Denn letztlich läuft die Hypothese auf die Behauptung hinaus, dass Stotterer nicht genau genug wissen, was zu hören sein sollte, wenn sie sprechen.

Hinzu kommt ein weiteres Problem: Jede Theorie, die Stottern als Reaktion des Gehirns auf die auditive Rückmeldung erklärt, muss zusätzlich erklären, wie Stotterereignisse am Sprechbeginn entstehen. Diese Erklärung beiben Hickok, Houde und Rong schuldig.  (zurück) 
 

Monitoring bei Stotterern

Neben der Frage nach der Bildung von Erwartungen, die üblicherweise gar nicht gestellt wird, gibt es eine zweite wichtige Frage: Verhindern Rückmeldungs-Unterbrechungen das Erkennen echter Sprechfehler? Empirische Studien haben gezeigt, dass Stotterer ihre Versprecher ebenso gut erkennen wie andere Leute [6]. Diese Tatsache wurde als Argument gegen Theorien ins Feld geführt, die eine Störung der auditiven Rückmeldung als Ursache des Stotterns ansehen. Eine solche Theorie muss also erklären, wieso das Monitoring trotzdem funktioniert.

Dass Versprecher durch die angenommenen temporären Rückmeldungsstörungen quasi "überhört" werden, ist nicht sehr wahrscheinlich, weil falsche Laute in der Mitte oder am Ende von Wörtern selten vorkommen – außer bei Personen, die in der korrekten Ausprache oder in der Grammatik unsicher sind, wie z.B. beim Gebrauch von Fremdwörtern oder beim Sprechen einer Fremdsprache, die man nur unvollkommen beherrscht. Falls solche Sprechfehler nicht bemerkt werden, wird es eher an falschen oder ungenauen Erwartungen liegen als an einer Störung der auditiven Rückmeldung. Ich werde auf das Thema Versprecher am Ende des dritten Kapitels noch einmal zurückkommen.  (zurück) 
 

Zeitaufwand für die Erwartungsbildung

Das Analyse-durch-Synthese-Modell beschreibt das Erkennen der Wortformen als Wechselwirkung von Erwartungen (Hypothesen) und den nacheinander einlaufenden Wahrnehmungen: Mit jedem weiteren wahrgenommenen Laut eines Wortes wird die Erwartung bestätigt oder korrigiert [11]. Das bedeutet aber, dass durch ein Mismatch – gleichgültig ob durch einen echten Versprecher oder durch eine Rückmeldungsstörung – zunächst die bis dahin gebildete Erwartung in Frage gestellt wird: Die Erwartung wird instabil; das System prüft, ob sie evtl. falsch ist. Erst nachdem die Erwartung, z.B. durch Rückgriff auf Kontextinformationen, wieder stabilisiert ist, kann die abweichende Wahrnehmung eindeutig als Fehler bewertet werden. Deshalb kann man annehmen, dass Fehlermeldungen i.d.R. am Ende von Sprecheinheiten auftreten und sich auf den Start der nächsten Einheit auswirken – auch dann, wenn die auditive Rückmeldung bereits in der Mitte des Wortes unterbrochen war.  (zurück) 
 

Reaktionszeit

Für das „Funktionieren“ des hier angenommenen Stotter-Mechanismus ist die Zeit, die für die Fehler-Registrierung benötigt wird, von Bedeutung. In einer Magnetenzephalographie (MEG)-Studie [7] wurde der früheste Unterschied in der Reaktion des Gehirns auf ein Wort und auf ein ähnliches Pseudowort bereits nach 50 – 80 ms gemessen – dabei war die Aufmerksamkeit der Probanden von den auditiven Stimuli abgelenkt. Diesen Wert kann man auch für die erste Registrierung eines (tatsächlich oder – aufgrund einer falschen Fehlermeldung – scheinbar) unvollständig artikulierten Wortes annehmen, denn auch dies wäre dann ein Pseudowort (z.B. „Pfer“ statt „Pferd“). Eine Mismatch-Negativity (= von der Aufmerksamkeit unabhängiges ereigniskorreliertes Potential, das die Reaktion des Gehirns auf einen der Erwartung widersprechenden auditiven Reiz anzeigt) hat gewöhnlich eine Latenz von 100 – 150 ms [8]; ich denke, wir können hier den unteren Wert annehmen. Zu dieser Fehlererkennungszeit kommt allerdings die Zeit hinzu, die für die Blockierung des Sprechprogramms benötigt wird.  (zurück) 
 

Stottern innerhalb von Silben

Man kann „Se-se-sumpf“ oder „S-s-sumpf“ stottern, aber kaum „Sum-sum-sumpf“. Das hat zu der Annahme geführt, beim Stottern würde stets der Silbenstart blockiert, und mithin sei die Silbe das eigentliche „Objekt“ des Stotterns, siehe z.B. die Syllable Initiation Theory [12]. Ich glaube jedoch nicht, dass das richtig ist, sondern nehme an, dass es i.d.R. Wörter oder Phrasen sind, deren motorische Programme blockiert werden. Doch diese sind aus Silben zusammengesetzt, und so wird z.B. häufig zur Blockierung eines Wortes dessen Anfangssilbe blockiert.

Wie ist nun das oben beschriebene Synptom-Muster zu erklären? Die Antwort könnte sein, dass die Blockierung des Sprachflusses innerhalb einer Silbe meist durch denselben einfachen „Mechanismus“ erfolgt: durch die Blockierung des Vokals. Das ist deshalb am einfachsten, weil jede Silbe (zumindest im Deutschen) einen Vokal enthält: Jede Silbe kann gestoppt werden, indem die Produktion des Vokals gestoppt wird. Ich habe allerdings auch erlebt, dass Stotternde den Vokal korrekt bilden, aber die Silbe nicht abschließen konnten – also beispielsweise „gu-gu-gut“ anstatt, wie meist zu hören, „g(ə)-g(ə]-gut“. Das deutet darauf hin, dass es entscheidend für die Form des Symptoms ist, an welcher Stelle das Sprechprogramm gestoppt wird.

Vielleicht basiert der Stop-Mechanismus auf einem archaischer Reflex des Verstummens (und Erstarrens) angesichts einer plötzlichen Gefahr, das man auch bei Tieren beobachten kann. Mit „Gefahr“ ist hier nicht das Stottern gemeint, sondern ein Fehler in einer automatisierten motorischen Sequenz, Ein solcher Fehler birgt stets die Gefahr in sich, dass die gesamte Sequenz misslingt, deshalb reagiert das System reflexhaft mit dem Abbruch der Sequenz. Es ist aber denkbar, dass die Furcht zu stottern – also ein Zustand der „Angst vor Gefahr“ das Auftreten solcher Reflexe wahrcheinlicher macht oder deren Wirkung verstärkt.  (zurück) 
 

Definition

Die Definiton, um die es hier geht, ist eine Wesensbestimmung des Stotterns, die auch die nicht beobachtbaren Aspekte einschließt. Sie ist ein Teil der hier vorgestellten Theorie und ist von dieser abhängig (wenn die Theorie falsch ist, ist auch die Definition falsch). Daneben gilt selbstverständlich als Voraussetzung der hier dargestellten Überlegungen jene Definition des Stotterns, die sich an die äußere Erscheinung, also an die beobachtbaren Symptome hält: Stottern ist, wenn jemand anscheinend gegen seinen Willen und oft mit sichtbarer physischer Anspannung Wörter oder Wortteile wiederholt oder Laute dehnt, oder wenn sein Sprechen vorübergehend völlig blockiert erscheint.  (zurück) 
 

„Und plötzlich war das Stottern weg.“ Bericht von Martina P.

Martina P. stotterte seit ihrem 3. Lebensjahr. Im Alter von ca. 50 Jahren wurde bei ihr ein gutartiger Hirntumor am Kleinhirn festgestellt. Er drückte auf den Hör-, Seh- und Gleichgewichtsnerv und war bereits nahe am Hirnstamm. Im Juni 2012 wurde der Tumor operativ entfernt. Es kam jedoch zu einer Hirnblutung; eine Notoperation wurde durchgeführt, nach der die Patientin wochenlang im Koma lag. Infolge der Komplikation war das Kleinhirn lädiert. Martina P. berichtet: „Als ich aus dem Koma aufwachte, war irgendetwas sprachlich anders. […] eines war weg: das Stottern. […] Das Stottern blieb sprachlich weg. Ich schreibe sprachlich, da es gedanklich noch da war, das heißt, ich habe bei jedem Wort darauf gewartet, zu stottern. Aber es kam nichts. Das Stottern war […] mit meinen Gefühlen so sehr verbunden, dass es mir anfangs sehr schwer fiel, das verschwundene Stottern zu akzeptieren.“

Seit der Operation ist bei Martina P. kein Stottern mehr aufgetreten, Die Schwächung der Funktion des Kleinhirns äußert sich in motorischen Einschränkungen. So ist Martina P. auch 2 1/2 Jahre nach der OP auf eine Gehhilfe (Rollator) angewiesen und ist noch nicht wieder in der Lage, mit zehn Fingern zu tippen, was sie vor der OP perfekt beherrscht hatte. Anfangs hatte sie nach der OP auch Schwierigkeiten, beim Sprechen deutlich zu artikulieren, was ihr jedoch inzwischen (Anfang 2015) dank logopädischer Hilfe gut gelingt. (Quelle: Der Kieselstein, Vereinszeitschrift der BVSS, 3/2013, S. 46, und Telefonat im Januar 2015).  (zurück) 
 

Warum versucht der Sprecher, trotz der Blockierung weiterzureden?

Vermutlich liegt es nicht nur daran, dass er sich keines Fehlers bewusst ist. Der schwedische Forscher Per Alm hat 2004 einen ausführliche Stotter-Theorie-Artikel veröffentlicht. Darin berichtet er u.a., dass Untersuchungen an Affen gezeigt haben, dass die Basalganglien Signale an das supplementär motorische Areal (SMA) senden, die anzeigen, wenn ein Abschnitt einer automatisierten Bewegungssequenz beendet ist. Das SMA leitet dann den Start des nächsten Abschnittes der Sequenz ein [20]. Per Alm vermutet nun – und das ist der Kern seiner Theorie – dass bei Stotterern diese Signale nicht oder nicht deutlich genug gesendet werden, und dass es dadurch zum Stottern kommt.

Ich vermute das Gegenteil. Ich denke, dass die Basalganglien diese Signale korrekt senden, und dass genau aus diesem Grund der Stotterer im Moment der Blockierung eines Sprechprogramms spontan versucht, weiterzureden, und dadurch erst die äußerlichen Stottersymptome (Wiederholungen, Dehnungen, Pressen) hervorbringt. Demnach würde ein Stotterereignis aus zwei Komponenten bestehen: (1) der Blockierung eines Sprechprogramms aufgrund einer falschen Fehlermeldung und (2) aus dem Drang des Sprechers, trotzdem weiterzureden. Die erste Komponente geht vermutlich vom Kleinhirn aus (siehe Haupttext weiter unten), die zweite Komponente von den Basalganglien.

Weil nun Basalganglien und SMA Teil einer neuronalen Schleife sind, die die willentlichen Bewegungen steuert, kann deren Aktivität durch den Willen beeinflusst werden. Das macht sich die Stottertherapie zunutze: Ein Stotterer kann lernen, im Moment der Blockierung den Drang zum Weiterreden zu unterdrücken und stattdessen zu stoppen und neu anzusetzen. Das ist zwar noch kein flüssiges Sprechen, aber es ist wenigstens kein Stottern zu bemerken – wie z.B. in diesem Video.

Man kann also das Stottern vermindern, indem man die Aktivität der Basalganglien durch den Willen beeinflusst, Eine Beeinflussung der Basalganglien zur Verminderung des Stotterns ist aber auch durch Medikamente möglich, z.B. durch den Dopamin-Blocker Haloperidol. Per Alm schreibt dazu, dass die Hauptwirkung von Haloperidol in der Reduzierung überflüssiger motorischer Aktivität während des Stotterns besteht, wohingegen die Häufigkeit der Unflüssigkeiten kaum verringert wird [21]. Haloperidol scheint also in eine ähnliche Richtung zu wirken wie die willentliche Unterdrückung des Sprechdranges im Moment der Blockierung. Das alles lässt vermuten, dass die Basalganglien für die zweite Komponente des Stotterereignisses verantwortlich sind, aber nicht für die erste, d.h. nicht für die Unterbrechung des Sprachflusses.

Im Gegensatz zum „normalen“ (idiopathischen) Stottern scheint das neurogene Stottern (infolge einer Läsion des Gehirns) tatsächlich eine Störung der Basalganglienfunktion zu sein. In diesem Interview auf StutterTalk ist Melissa Fuller zu hören, eine junge Ärztin, die stottert nach dem sie durch einen Autounfall eine Gehinrverletzung erlitten hat. Man hat hier nicht den Eindruck der Blockierung eines Programms – vielmehr scheinen einfach zu viele Silbenstarts produziert zu werden.  (zurück) 
 

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Quellen

  1. Levelt (1995), S. 148
  2. zitiert nach Bloodstein & Bernstein Ratner (2008), S. 296
  3. Postma & Kolk (1993)
  4. Jiang et al. (2012)
  5. Bloodstein (1975), zitiert nach Brocklehurst, Lickley & Corley (2013)
  6. Brocklehurst & Corley (2011), Postma & Kolk (1992)
  7. MacGregor et al. (2012)
  8. Näätänen et al. (2007)
  9. Hickok, Houde, & Rong (2011)
  10. Max et al. (2004)
  11. Poeppel & Monahan (2010)
  12. Packman, Code, & Onslow (2007)
  13. Brown et al. (2005), Budde et al. (2014)
  14. z.B. Fox et al. (2000), Ingham et al. (2004)
  15. Übersicht bei Seidler et al. (2014)
  16. Blakemore, Frith und Wolpert (2001)
  17. van Mier und Petersen (2002)
  18. Grafton et al. (2008)
  19. Seidler, Noll & Thiers (2004), Ogawa, Inui & Sugio (2006)
  20. Alm (2004), S. 331
  21. Alm (2004), S. 337

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