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4. Einige spezielle Fragen

4. 1. Stotterreduzierende Bedingungen

Ein Hindernis für das Verstehen des Zusammenhangs zwischen auditiver Rückmeldung und Stottern war die Beobachtung, dass Stottern extrem selten bei tauben Personen vorkommt und dass es durch künstliche Vertäubung (durch sehr lautes Rauschen über Kopfhörer) meist vermindert wird. Auch wird Stottern oft weniger in Situationen, in denen die eigene Stimme schlechter gehört wird, z.B. beim Flüstern, beim Sprechen mit verstopften Ohren oder unter teilweiser künstlicher Vertäubung über Kopfhörer [1]. Diese Beobachtungen legen den Schluss nahe, dass das Hören der eigenen Rede das Stottern verstärkt und die Verminderung des Hörens der eigenen Rede, z.B, durch die Ablenkung der Aufmerksamkeit vom auditven Kanal, das Stottern vermindert. Das aber würde der in den letzten beiden Kapiteln vorgestellten Theorie diametral widersprechen. Für die Auflösung dieses Widerspruchs ist es notwendig, den Begriff auditive Rückmeldung etwas genauer unter die Lupe zu nehmen.

In Willem Levelts Perceptual Loop Theory [2] werden zwei Rückmeldeschleifen angenommen, eine äußere und eine innere Schleife (siehe Abschnitt  1.3.). Die äußere Schleife entspricht dem äußeren Hören der eigenen Sprache, und nur dieses wird gewöhnlich als auditive Rückmeldung bezeichnet. Die innere Schleife dagegen ist das innere „Hören“ der eigenen Sprache, wie es beim inneren Sprechen, also beim verbalen Denken, geschieht. Dieses innere Sprechen hat jedoch weitgehend dieselben Eigenschaften wie das äußere Sprechen: Es ist gekennzeichnet durch Merkmale wie Silbenrhythmus, Betonung, Satzmelodie und Stimmklang. Es ist sogar möglich, sich einen innerlich produzierten Satz in der Stimme einer anderen Person vorzustellen [3]. Auch beim inneren Sprechen kommen Versprecher vor, die durch das Monitoring erkannt werden [4]. Außerdem scheint die Verarbeitung der inneren Sprache ebenso eine Funktion der auditiven Assoziationsareale zu sein wie die Verarbeitung äußerlich wahrgenommener Sprache [5]. Deshalb bezeichne ich die Selbstwahrnehmung des inneren Sprechens, d.h. die Selbstwahrnehmung der verbalen Gedanken, als innere auditive Rückmeldung.

Wie bereits im Abschnitt 1.3. erwähnt, nehme ich nicht an, dass beide Rückmeldeschleifen gleichzeitig aktiv sind, sondern dass sie alternierend arbeiten: Die innere Schleife ist nur aktiviert, wenn die äußere Schleife unterbrochen ist. Das ist der Fall beim stillen Denken (= inneres Sprechen), beim Sprechen ohne Phonation (= stumme Sprechbewegungen), unter totaler künstlicher Vertäubung oder bei tatsächlichem Gehörverlust. Unter diesen Bedingungen verschwindet das Stottern gewöhnlich, und ich denke, der Grund dafür ist, dass das eigene Sprechen dann innerlich „gehört“ wird  (mehr...) . Die innere Rückmeldeschleife kann jedoch nicht durch das Abziehen der Aufmerksamkeit unterbrochen werden: Laut zu sprechen und dabei die eigene Rede nicht zu hören ist durchaus möglich, aber etwas zu denken und es nicht zugleich wahrzunehmen ist offenbar unmöglich: Wird man durch einen äußeren Reiz von seinen Gedanken abgelenkt, reißt der innere Monolog sofort ab. Weil beim inneren Sprechen das Formulieren und das innere Hören der gedachten Sätze nicht zu trennen ist, tritt hierbei kein Stottern auf.

Ich vermute daher, dass unter bestimmten stotterreduzierenden Bedingungen, z.B. beim Sprechen unter künstlicher Vertäubung oder mit stummen Sprechbewegungen, das Stottern deshalb verschwindet, weil dabei die äußere Rückmeldeschleife unterbrochen und die innere aktiviert ist, und weil letztere nicht unterbrochen werden kann, ohne dass die Sprachproduktion selbst abbrichtt (die Folge wäre dann nicht Stottern, sondern Schweigen).

Im Gegensatz dazu dürften andere stotterreduzierende Bedingungen die Aufmerksamkeit des Sprechers auf das äußere Hören der eigenen Rede lenken und dadurch die äußere auditive Rückmeldung verbessern: Wie schon in der Einleitung erwähnt (siehe Tabelle 1), zeigen empirische Befunde, dass die verbesserte Sprechflüssigkeit von Stotterern beim Sprechen nach dem Rhythmus eines Metronoms, beim Sprechen mit FAF und DAF sowie Lesen im Chor mit erhöhter Aktivität in den sensorischen Spracharealen der Großhirnrinde verknüpft ist [6] – also in jenen Arealen, die u.a. dem Erkennen der Sprachlaute und der Wörter dienen. Diese Funktionen sind jedoch von der Aufmerksamkeit auf den auditiven Kanal abhängig (siehe Abschnitt 3.1.).

Die stotterreduzierende Wirkung des Sprechens mit Metronom, des Lesens im Chor und des Sprechens mit DAF oder FAF wurde früher oft dadurch erklärt, dass der Sprecher vom Hören seiner eigenen Rede abgelenkt wird  (mehr...) . Die neuen empirischen Daten sprechen jedoch für das Gegenteil, nämlich dafür, dass die verbesserte Sprechflüssigkeit die Folge einer besseren Verarbeitung der auditiven Rückmeldung ist: Das Hören auf das Metronom oder auf die Mitsprecher lenkt die Aufmerksamkeit auf den auditiven Kanal, und es muss auf das eigene Sprechen gehört werden, um die Synchronität mit dem Metronomrhythmus bzw. den Mitsprechern zu kontrollieren. In ähnlicher Weise erfordert das Schattensprechen, eine andere sehr wirksame stotterreduzierende Bedingung [7], auf den Vorsprecher zu hören und gleichzeitig darauf zu achten, ob die eigene Rede exakt folgt. Auch die Wirkung von DAF, FAF und anderer Veränderungen der auditiven Rückmeldung (z.B. beim Sprechen mit verstellter Stimme oder in einem ungewohnten Dialekt) dürften darauf zurückzuführen sein, dass durch den ungewohnten Höreindruck der eigenen Sprache die Aufmerksamkeit auf den auditiven Kanal gezogen wird  (mehr...) .

Diese Sicht der Dinge wird bestätigt durch ein Experiment [18], bei dem erwachsene Stotterer eine kurze Geschichte unter drei verschiedenen Bedingungen lasen: (1) normal, (2) im Takt zu den gleichmäßigen Klicks eines Metronoms, (3) in ihrem natürlichen Rhythmus, während sie Klickgeräusche hörten, die abhängig vom Silbenrhythmus des Sprechers erzeugt wurden. In der dritten Bedingung richtete sich also nicht der Sprecher nach dem Klickrhythmus, sondern umgekehrt: Die Klicks folgten dem Sprecher. Diese dritte Bedingung reduzierte das Stottern fast ebenso stark wie die zweite: Die durchschnittliche Zahl der Unflüssigkeiten in der Geschichte war 20,25 ohne Klicks, 0,6 mit Metronom, und 2,5 mit Klicks in Abhängigkeit vom Rhythmus des Sprechers. Das Experiment zeigt eindrucksvoll, dass der vorgegebene Rhythmus nicht der entscheidende Faktor ist, der in der Metronom-Bedingung zur Verminderung des Stotterns führt.

Auch beim Flüstern und bei teilweiser künstlicher Vertäubung (bei der das eigene Sprechen noch hörbar ist) wird das Stottern oft weniger. Dieser Effekt kann ebenfalls dadurch erklärt werden, dass Veränderungen der auditiven Rückmeldung die Aufmerksamkeit des Sprechers auf das Hören der eigenen Stimme ziehen: Wenn die Rede einer anderen Person schlecht zu hören ist, wird der Zuhörer wahrscheinlich aufmerksamer hinhören. Dasselbe dürfte auch passieren, wenn die eigene Stimme schlechter zu hören ist: Der Sprecher wird mehr Aufmerksamkeit auf den auditiven Kanal richten, mit der Folge, dass die Verarbeitung der auditiven Rückmeldung verbessert wird. Schlechte Hörbarkeit muss also nicht zwangsläufig eine Verschlechterung der auditiven Rückmeldung zur Folge haben – im Gegenteil: Die Aufmerksamkeit kann dadurch auf den auditiven Kanal gezogen werden, wodurch die Verarbeitung der Rückmelde-Information verbessert wird.

Das wird durch experimentelle Resultate bestätigt: Während des Sprechens erhöht sich die Aktivität in den auditiven Arealen der Hirnrinde, wenn die eigene Sprache schlechter zu hören ist [8]. Nur wenn der Sprecher sich so schlecht hört, dass die äußere auditive Rückmeldung unbrauchbar ist (durch vollständige Vertäubung, erhebliche Störung oder Verzögerung), wird die innere Rückmeldeschleife aktiviert – der Sprecher schaltet also auf das innere Hören um. Dies entspricht dem empirischen Befund, dass sich beim Sprechen unter kompletter künstlicher Vertäubung, verglichen mit natürlicher auditiver Rückmeldung, die Aktivität im linken superioren temporalen Gyrus (das ist die Rindenregion, in der die Sprachwahrnehmung hauptsächlich lokalisiert ist) nicht vermindert [9].

Durch die Einbeziehung der Rolle der Aufmerksamkeit und der Natur des inneren Sprechens ist es somit möglich, die widersprüchlich erscheinenden Beobachtungen im Zusammenhang mit stotterreduzierenden Bedingungen auf einheitliche Weise zu erklären: Stottern wird vermindert durch eine Verbesserung der äußeren auditiven Rückmeldung, die dadurch erreicht wird, dass die Aufmerksamkeit des Sprechers auf das Hören der eigenen Rede gelenkt wird. Doch Stottern wird ebenfalls vermindert oder verschwindet ganz, wenn die Aufmerksamkeit auf die innere Rückmeldung umschaltet, weil die äußere Rückmeldung über eine längere Phase unterbrochen oder unbrauchbar ist.
 

Stotterreduzierende Bedingungen

 
Abbildung 10: Stotterreduzierende Bedingungen. Singen scheint ein spezieller Fall zu sein: Neben der Tatsache, dass man auf seine Stimme hören muss, um zu kontrollieren, ob man die Melodie trifft, dürfte eine Rolle spielen, dass man meist auswendiggelernte Texte singt, die als ein einziges sprechmotorisches Programm 'abgespult' werden (siehe Abschnitt 1.2.). Der Rhythmus, denke ich, spielt nicht die entscheidende Rolle.

Damit werden auch die seltsam anmutenden Resultate der Studie von Ronald Webster und Michael Dorman aus dem Jahr 1970 verständlich: Sie fanden, dass Stottern in annähernd demselben Grad reduziert wurde durch kontinuierliche künstliche Vertäubung, durch Vertäubung nur während der Phonation und durch Vertäubung nur in den Phonationspausen [10]. Die Erklärung: Während unter den ersten beiden Bedingungen die innere Rückmeldeschleife aktiviert ist, wird unter der dritten Bedingung durch das ungewohnte Rauschen in den Phonationspausen die Aufmerksamkeit des Sprechers insgesamt stärker auf das Hören gezogen.

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Fußnoten

Inneres Hören

Ich empfehle den folgenden kleinen Selbstversuch: Man spreche eine Anzahl beliebiger Sätze in normalem Tempo mit deutlichen, aber stummen Mundbewegungen. Dabei beobachte man die Synchronität zwischen den Sprechbewegungen und den Gedanken – also den innerlich „gehörten“ Sätzen. Man wird finden, dass beides nicht ganz synchron ist, und dass die Sprechbewegungen den Gedanken etwas vorauseilen. Auch dies ist ein Hinweis darauf, dass das Sprechen die Basis des verbalen Denkens ist, und nicht etwa umgekehrt das verbale Denken die Basis des Sprechens. Wenn die eigene Sprache nicht äußerlich hörbar ist, wie beim Sprechen mit stummen Mundbewegungen, beim stillen Denken oder bei künstlicher Vertäubung, dann wird das innere Hören „hinzugeschaltet“. Siehe auch die Fußnoten 1 und 2 im Abschnitt 1.3.  (zurück) 
 

Ablenkungs-Hypothese

Die Vermutung, dass Stottern durch das Hören der eigenen Rede verursacht wird, ist alt. Zunächst glaubte man, dass das Gemüt des Sprechers durch das Hören des eigenen Stotterns in Erregung und Angst versetzt wird und das Stottern sich dadurch verstärkt oder verfestigt. So sprach der Arzt L. Sandow 1898 vom „sensorischen Echostottern“ und empfahl: „Entweder verstopfe man sich die Ohren mit Watte, oder man spreche leiser als bisher. In beiden Fällen verliert der akustische Reiz an Kraft, und man gräbt so dieser widerwärtigen Haspelei sofort das Wasser ab.“ [11] Und mehr als siebzig Jahre später schrieb Charles Van Riper: „Wir wollen, dass der Stotterer aufhört, auf die Lücken und die Abnormität seiner Sprechweise zu horchen, wenn sie auftreten oder wenn er sie erwartet.“ [12]. Natürlich ist die Erklärung des Stotterns aus dem Hören des eigenen Stotterns zirkulär. Eine andere Hypothese war, dass die auditive Rückmeldung bei Stotterern generell gestört sei, und zwar durch Interferenz zwischen deren luftgeleiteter und knochengeleiteter Komponente [13], was jedoch nie empirisch bestätigt werden konnte.  (zurück) 
 

DAF und FAF

Anne Foundas und Kollegen untersuchten die Wirkung des SpeechEasy, eines kleinen Gerätes, das im Ohr getragen wird und das durch Veränderung der auditiven Rückmeldung (Verzögerung = DAF und/oder Frequenzveränderung = FAF) die Sprechflüssigkeit verbessert [14]. Dabei zeigte sich, dass der Grad der Verbesserung mit veränderter auditiver Rückmeldung nicht viel größer war als in einer Kontrollbedingung ohne Verzögerung oder Frequenzveränderung, nur mit einer durch das Gerät leicht vergrößerten Lautstärke. Ganz ähnliche Resultate waren zuvor bereits an der Universität Heidelberg beim Test von zwei anderen, nach dem selben Prinzip arbeitenden Geräten gewonnen worden [15].

Foundas und Kollegen ziehen aus ihren Resultaten den Schluss, dass „die Veränderung der auditiven Rückmeldung als solche nicht allein für die beobachteten Behandlungserfolge verantwortlich sein mag“ [16]. Aber was könnte dann verantwortlich sein? Es könnte einfach sein, dass das ungewohnte Hören der eignen Stimme über ein Gerät im Ohr bzw. über Kopfhörer und mit leichter Verstärkung bereits ausreicht, um die Aufmerksamkeit des Sprechers auf das Hören zu ziehen. Durch DAF oder FAF wird dieser Effekt lediglich verstärkt, weil diese Veränderungen noch ungewohnter und irritierender sind.

Man hat die stotterreduzierende Wirkung von DAF auch dadurch zu erklären versucht, dass die verzögerte auditive Rückmeldung zu langsamerem Sprechen führt. Das ist tatsächlich der Fall. Es konnte jedoch gezeigt werden, dass das verlangsamte Sprechen nicht entscheidend für die stotterreduzierende Wirkung von DAF ist [17].  (zurück) 
 

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Quellen

  1. Übersicht bei Bloodstein & Bernstein Ratner (2008)
  2. Levelt (1995), S. 470
  3. McGuire et al. (1996)
  4. Corley, Brocklehurst & Moat (2011)
  5. McGuire et al. (1996), Shergill et al.( 2002)
  6. Braun et al. (1997). Ingham et al. (2003), Stager et al. (2003), Takaso et al. (2010), Toyomura et al. (2011), Watkins et al. (2008)
  7. Cherry & Sayers (1956), Marland (1957), MacLaren (1960), Kelham & McHale (1966), Kondas (1967)
  8. Christoffels et al. (2011)
  9. Christoffels, Formisano & Schiller (2007)
  10. Webster & Dorman (1970)
  11. Sandow (1898), S. 67
  12. Van Riper (1986), S. 11
  13. Cherry & Sayers (1956), Webster & Lubker (1968)
  14. Foundas et al. (2013)
  15. Unger (2012), Unger, Glück & Cholewa (2012)
  16. Foundas et al. (2013). S. 148
  17. Kalinowski et al. (1993), MacLeod et al. (1995)
  18. Howell und El-Yaniv (1987)

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