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3. 2. Der Beginn des kindlichen Stotterns

Charles Van Riper glaubte, dass im Lauf der Sprachentwicklung die auditive Rückmeldung der eigenen Rede an Bedeutung verliert, weil das Monitoring sich vom auditiven Kanal auf den kinästhetisch-taktil-propriozeptiven Kanal verlagert [1]. Doch wenn es richtig ist, dass das Monitoring das Erkennen der selbst produzierten Wörter erfordert, dann ist Van Ripers Annahme falsch, denn gesprochene Wörter erkennen wir gewöhnlich nur, wenn wir sie hören. Das Erkennen gesprochener Wörtern mit Hilfe anderer Sinne erfordert zumindest ein spezielles Training. Die Entwicklung dürfte deshalb eher folgendermaßen verlaufen:

Während der Lallphase kommt dem Hören auf die selbst produzierten Laute und Silben eine große Bedeutung zu, denn das Kind lernt in dieser Zeit, Höreindrücke und Sprechbewegungen zu verknüpfen. Durch Probieren und Nachahmen eignet es sich die Sprechprogramme für die häufig vorkommenden Laute, Lautverbindungen und einfachen Silben der Muttersprache an. In der darauf folgenden Phase könnte das Hören auf die eigene Sprache vorübergehend tatsächlich an Bedeutung verlieren, denn die Aufgabe besteht nun nicht mehr darin, akustische Formen mit Sprechprogrammen zu verknüpfen, sondern diese Verknüpfungen mit nichtsprachlichen Inhalten zu verbinden: Das Kind lernt jetzt, Wörter und kurze Phrasen zu sprechen. Diese können, nach dem sie vertraut geworden sind, durch Sprechprogramme rein vorwärtsgesteuert produziert werden (siehe Abschnitt 1.1.).

Rückmeldungen bekommt das Kind zunächst von anderen Personen: Es merkt an den Reaktionen der Zuhörer, ob seine Äußerungen verstanden werden, und wenn ein Wort falsch ausgesprochen wurde, werden die Zuhörer den Fehler korrigieren. So kann das Kind ganz allmählich lernen, sein Sprechen selbst zu kontrollieren, indem es immer genauere Erwartungen der korrekten Wortformen bildet. Auf dieser Grundlage entwickelt das Kind allmählich ein selbständiges Monitoring, das zunächst nur auf die Kontrolle der korrekten Artikulation der einzelnen Wörter oder kurzer, starrer Phrasen gerichtet ist.

Erst beim Übergang zum gebundenen Sprechen beginnt die auditive Rückmeldung wieder eine wichtige Rolle zu spielen, und zwar aus zwei Gründen: Erstens ist es für die inkrementelle Satzplanung erforderlich, die bereits produzierten Teile eines Satzes im Gedächtnis zu behalten, damit auf dieser Basis der Satz korrekt beendet werden kann. Dafür müssen die selbst produzierten Wörter gehört und erkannt werden – denn es kommt ja darauf an, jene Wörter im Gedächtnis zu behalten, die tatsächlich gesagt wurden und nicht etwa Wörter, die vielleicht geplant waren (und ich glaube nicht, dass Efferenzkopien hierbei eine Rolle spielen; siehe  1.4.). Auf die Bedeutung der auditiven Rückmeldung für die Satzplanung gehe ich weiter unten ausführlicher ein.

Der zweite Grund dafür, dass die auditive Rückmeldung beim Übergang zum gebundenen Sprechen wichtig wird, ist die Fehler-Erkennung: Ein Versprecher in einem Satz muss sofort erkannt und korrigiert werden, weil sonst leicht der ganze Satz unsinnig oder missverständlich wird. Das automatische Monitoring sichert ab, dass eine Sprecheinheit nur dann erfolgreich gestartet werden kann, wenn die vorangegangene Einheit korrekt gebildet und beendet wurde (entspr. Levelts „Main Interruption Rule“). Und, wie schon oben erwähnt, dieses Monitoring kann nur auf der Basis der auditiven Rückmeldung erfolgen. Deshalb denke ich, dass Van Riper sich geirrt hat, als er meinte, die auditive Rückmeldung würde als Grundlage für das Monitoring im Verlauf der Sprachentwicklung an Bedeutung verlieren. Das Gegenteil ist der Fall.

Nehmen wir nun an, dass ein Kind seine Sätze sehr sorgfältig plant. Nehmen wir an, dass es, während es noch den laufenden, bereits fertig geplanten Satz zu Ende spricht, seine Aufmerksamkeit bereits auf die Planung des nächsten Satzes richtet. Dieses Kind wird vielleicht eine bessere Sprachfähigkeit zeigen, sich seltener verhaspeln und weniger Fehler machen als andere Kinder, doch es läuft Gefahr, dass bei ihm an den Enden der Sätze zu wenig Aufmerksamkeit für den auditiven Kanal, also für die Wahrnehmung der eigenen Rede übrigbleibt. Wenn das zutrifft, dann müssten Kinder mit überdurchschnittlicher Sprachfähigkeit in der Phase des Übergangs zum gebundenen Sprechen ein höheres Risiko zu stottern haben. Und tatsächlich scheinen die empirischen Daten das zu bestätigen: In einer aktuellen Längsschnittstudie zeigte sich, dass stotternde Kinder nahe dem Zeitpunkt, an dem das Stottern erstmalig auftritt, nicht selten eine überdurchschnittliche Sprachentwicklung aufweisen [2].

Ferner wurde festgestellt, dass diejenigen Kinder, deren Stottern bestehen bleibt und chronisch wird, ihre oft überdurchschnittliche Sprachfähigkeit beibehalten. Die Sprachfähigkeit derjenigen Kinder dagegen, deren Stottern sich wieder verliert, gleicht sich mit dabei der Norm an [3]. Stottern scheint also für einige Kinder der „Preis“ für den Vorsprung in der Sprachentwicklung zu sein  (mehr...) . Jene, deren Stottern ohne Behandlung wieder verschwindet, scheinen zu lernen, ihre Aufmerksamkeitsverteilung den Erfordernissen des gebundenen Sprechens anzupassen: Sie lernen, ihre Sätze inkrementell zu planen, besonders am Satzbeginn nicht mehr so viel Aufmerksamkeit auf die Planung zu richten und statt dessen mehr auf die sensorische Rückmeldung zu achten. Das mag dazu führen, dass sich ihre Sprachfähigkeit vorübergehend langsamer entwickelt, dass mehr Korrekturen nötig sind und mehr normale Unflüssigkeiten auftreten.

Das typische Muster des frühen kindlichen Stotterns – das Stottern an den Satzanfängen – entsteht also vermutlich durch die neuen Herausforderungen, die die Satzplanung beim Übergang zum gebundenen Sprechen mit sich bringt. Das spontane Bilden von Sätzen verlangt eine stärkere Einbindung der auditiven Rückmeldung in die Sprechplanung und daher eine andere Verteilung der Aufmerksamkeit als das Sprechen einzelner Wörter oder starrer Phrasen.

Manche Kinder haben damit Schwierigkeiten: Sie versuchen, genau wie zuvor die Einzelwörter und kurzen Phrasen, nun auch die Sätze holistisch (als Ganzes) zu planen  (mehr...) . Infolge solcher vorauseilenden und/oder womöglich überakkuraten Satzplanung wird das Ende des vorangegangenen Satzes in der auditiven Rückmeldung „überhört“ oder das Ende einer Einatemphase nicht wahrgenommen. Für das automatische Monitoring entsteht so der Eindruck, dass die vorangegangene Einheit der Sequenz (diese Einheit kann z.B. ein Wort, ein Satz, aber auch die Einatemphase sein) nicht beendet ist. Der Monitor blockiert deshalb den Start des nachfolgenden Sprechprogramms.

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Fußnoten

Stottern und Sprachentwicklung

In einer australischen Langzeitstudie wurden 1619 Kinder untersucht, die am Beginn der Studie 2 Jahre alt waren. Davon begannen 8,5% bis zum Alter von 3 Jahren zu stottern. Die Kinder, die zu stottern begannen, hatten im Durchschnitt mit zwei Jahren einen größeren Wortschatz als ihre Altersgenossen gehabt, und der Anteil der Mütter mit akademischer Bildung war in der Gruppe der stotternden Kinder höher als in der Gruppe der Kinder, bei denen kein Stottern auftrat [4]. In einer Folgestudie aus dem Jahr 2014 wurde die Sprach- und Kommunikationfähigkeit von 181 Kindern, die stotterten oder im Alter von 2 bis 5 Jahren gestottert hatten, mit der von 1438 Altersgenossen verglichen, die weder stotterten noch je gestottert hatten (Kontrollgruppe). Die Gruppe der Kinder, die stotterten oder gestottert hatten, erreichte in allen sieben gemessenen Parametern höhere Werte als die Kontrollgruppe [5].  (zurück) 
 

Inkrementelle Satzplanung

„Inkrementell“ bedeutet „schrittweise“, im Gegensatz zu „holistisch“ =„als Ganzes“. Das Sprechen in sinnvollen Sätzen verlangt, die Wörter oder Satzglieder in eine korrekte Reihenfolge zu bringen. Wenn das Kind versucht, diese Reihenfolge zu planen, bevor oder wenn es den Satz beginnt, dann plant es holistisch. Fängt es dagegen einfach zu sprechen an, hört dabei auf das, was es sagt, und nimmt das Gesagte als Basis, um schrittweise Satzglied an Satzglied zu fügen, dann plant es seine Sprache inkrementell. Vereinfacht kann man sagen: Bei der holistischen Planung ist die Aufmerksamkeit in die Zukunft gerichtet – die inkrementelle Planung verlangt dagegen, einen Teil der Aufmerksamkeit in die Vergangenheit zu richten.

Die inkrementelle Methode wird anfangs mit Fehlern und Korrekturen, mit Verhaspeln und Pausen, also mit vielen normalen Sprechunflüssigkeiten verknüpft sein, bis das Kind Routine erlangt. Doch das ist der richtige Weg. Die holistische Planung hingegen mag anfangs, bei kurzen Sätzen, sehr gut funktionieren: Das Kind spricht fehlerfrei. Die Methode kommt aber schnell an ihre Grenzen, beansprucht übermäßig viel Aufmerksamkeit am Satzbeginn und birgt somit ein erhöhtes Risiko für das Auftreten von Stottern. Es erscheint mir daher nicht sinnvoll, ein Kind, das sich verhaspelt oder gar ein Kind, das stottert, mit Ermahnungen wie: "Überlege, was du sagen willst, ehe du sprichst!" vom spontanen Sprechen abzubringen. Spontanes Sprechen heißt, die Gedanken beim Sprechen und durch das Sprechen zu entwickeln.  (zurück) 
 

Aufmerksamkeit beim Übergang zum Satzsprechen

Die Schwierigkeiten der Kinder lassen sich vielleicht durch folgenden Vergleich verdeutlichen: Das Radfahren erfordert eine bestimmte Verteilung der Aufmerksamkeit: Man muss darauf achten, in die Pedale zu treten, das Gleichgewicht zu halten, zu lenken, sich zu orientieren und die Verkehrsregeln einzuhalten. Das meiste davon geschieht, nachdem es einmal gelernt ist, automatisch. Wenn man nun vom Fahrrad auf das Motorrad umsteigt, verändern sich die Anforderungen an die Aufmerksamkeitsverteilung: Einerseits braucht man nicht mehr zu treten – andererseits ist man viel schneller, das Gefährt ist schwerer, ein Fehler kann weit schlimmere Folgen haben usw., d.h., die Aufmerksamkeit wird stärker auf die Beherrschung des Fahrzeugs und auf die Verkehrssituation gerichtet sein.

Der entscheidende Punkt ist nun, dass man sich beim Umstieg vom Fahrrad aufs Motorrad dieser Anforderungen bewusst ist – einem Kind jedoch, das vom Sprechen einzelner Wörter und starrer Phrasen zum Sprechen von Sätzen übergeht, ist nicht bewusst, dass es nun etwas qualitativ anderes tut als vorher, dass es, um korrekte Sätze bilden zu können, viele Regeln beachten muss, und dass deshalb auch die Verteilung der Aufmerksamkeit eine andere sein muss. Die meist vorübergehende Fehlverteilung der Aufmerksamkeit, durch die das kindliche „Entwicklungsstottern“ hervorgerufen wird, entsteht also nicht dadurch, dass das Kind aktiv etwas falsch macht, sondern dadurch, dass sich für das Kind unmerklich die Anforderungen an die Verteilung der Aufmerksamkeit verändern.  (zurück) 
 

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Quellen

  1. Van Riper (1971)
  2. Watkins et al. (1999), Reilly et al. (2009), Watts et al. (2014)
  3. Yairi (2012)
  4. Reilly et al. (2009)
  5. Watts et al. (2014)

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