Stottertheorie.de



 

Selbsthilfe: Empfehlungen für Betroffene

Die folgenden Empfehlungen sind aus der auf dieser Website vorgestellten Theorie über die Ursachen des Stotterns abgeleitet (siehe Abschnitt 4.4.).

1. Sich beim Sprechen zuhören

Hören Sie beim Sprechen auf Ihre Stimme! Sprechen Sie besonders die Wortenden deutlich und hören Sie darauf!

Wenn Sie am Beginn eines Wortes oder einer Silbe eine Blockierung befürchten, richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf das Ende des vorangehenden Wortes bzw. der vorangehenden Silbe: Sprechen Sie dieses Ende deutlich und hören Sie darauf, bevor Sie weitersprechen!

Bemühen Sie sich, mit fester und klangvoller Stimme zu sprechen! Stellen Sie sich den Klang Ihrer Stimme vor, ehe Sie zu sprechen beginnen, und überprüfen Sie hörend den Stimmklang!

Wenn Ihnen das Hören auf die eigene Stimme schwerfällt, können Sie alternativ ihre Aufmerksamkeit auf die Vibration der Stimmbänder in der Kehle richten. Probieren Sie aus, wie Sie ihre Stimme am besten wahrnehmen können!

2. Den Atem spüren

Wenn Sie vor dem Sprechen aufgeregt sind, atmen Sie erst einmal kräftig aus! Atmen Sie dann vor dem Sprechen kurz und nicht zu tief in den Bauchraum ein! Lassen Sie dabei die Schultern locker hängen! Spüren Sie den festen Boden unter Ihren Füßen!

Nehmen Sie das Ende der Einatembewegung und das Umschalten auf die Ausatmung bewusst wahr und setzen Sie erst danach zum Sprechen an! Das ist besonders dann zu empfehlen, wenn Sie eine Blockierung unmittelbar am Sprechbeginn, also nach dem Einatmen, befürchten. Sie können dann auch erst ein wenig Luft ausatmen und in diesen Ausatemstrom hinein zu sprechen beginnen.

3. Pausen machen

Lassen Sie Pausen zwischen Sätzen und zwischen Sinnabschnitten innerhalb von Sätzen! Richten Sie dabei Ihre Aufmerksamkeit nicht auf das Wort nach der Pause, sondern lassen Sie das Ende des Wortes vor der Pause in sich „nachklingen“!

Wenn Sie schwer stottern, dann lassen Sie zunächst zwischen jedem Wort eine Pause! Wenn Sie auf diese Weise stotterfrei sprechen können, reduzieren Sie die Zahl der Pausen allmählich auf ein normales Maß!

4. Spontan sprechen

Überlegen Sie nicht zu lange. ob Sie etwas sagen sollen und wie Sie es sagen sollen! Suchen Sie die Wörter nicht nach schwierigen Lauten ab und tauschen Sie keine Wörter aus! Sie können alle Wörter sprechen.

Sprechen Sie spontan! Haben Sie keine Furcht, Fehler zu machen, sich zu verhaspeln, sich zu korrigieren, Denkpausen im Satz zu machen – all das gehört zum normalen Sprechen! Vertrauen Sie darauf, dass Ihnen die Wörter einfallen werden, wenn Sie sie brauchen!

5. Stottern zulassen

Bemühen Sie sich nicht, Stottern aktiv zu vermeiden oder abzumildern, indem Sie Ihre Sprechbewegungen willentlich kontrollieren, z.B. durch weichen Stimmeinsatz oder übertrieben gedehntes Sprechen! Solche Aktivitäten lenken die Aufmerksamkeit in die falsche Richtung.

Wenn Stottern auftritt, lassen Sie es zu! Bleiben Sie ruhig und konzentrieren Sie sich darauf, Ihre Stimme wahrzunehmen und häufig Pausen zu machen! Um aus einer Blockierung herauszukommen, brechen Sie das Sprechen ab und wiederholen Sie das Wort vor der Blockierung! Sprechen Sie das Ende dieses Wortes deutlich und hören Sie darauf! Erst dann lassen Sie das nächste Wort folgen.
 

Die drei wichtigsten Regeln:

1. Auf das eigene Sprechen hören!
2. Den Atem spüren!
3. Pausen machen!

 

Sehr wichtig: Die Anwendung dieser Regeln im Alltag muss über einen längeren Zeitraum hinweg eingeübt werden. Das sollte man zunächst in stressarmen Sprechsituationen tun, also beim lauten Selbstgespräch, beim Gespräch mit Freunden oder in der Familie. Eine ausgezeichnete Möglichkeit, das Sprechen in einem geschützten Kommunikationsraum gemeinsam mit anderen Betroffenen zu üben, sind die Stotterer-Selbsthilfegruppen. Eine Selbsthilfegruppe in Ihrer Region finden Sie auf dieser Liste.

 

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Empfehlungen für Eltern

Vor allem: Ermahnen Sie Ihr Kind nicht, vor dem Sprechen zu überlegen, was es sagen will! In dem Moment, in dem das Kind stottert oder blockiert ist, weiß es ganz genau, welches Wort es sagen will – es bekommt das Wort nur nicht heraus. Und falls es tatsächlich eine Pause braucht, um nach einem Wort zu suchen, oder sich verhaspelt hat – um so besser: Dann stottert das Kind in diesem Moment nicht, sondern es handelt sich um ganz normale Sprechunflüssigkeiten. Seien Sie nicht zu kritisch: Kleine Fehler, Verhaspeln, nach dem passenden Wort Suchen usw. sind völlig normal – bei Erwachsenen und erst recht bei Kindern, die noch dabei sind, das Sprechen in Sätzen zu lernen. Wenn Sie Fahler des Kindes korrigieren, dann bitte freundlich und nicht so, dass das Kind die Korrektur als Missbilligung empfindet. Vermeiden Sie möglichst alles, was das Kind entmutigt, spontan und „frei von der Leber weg“ zu sprechen!

Ermahnen Sie Ihr Kind auch nicht. langsam zu sprechen! Sprechen Sie aber selbst langsam, wenn Sie mit dem Kind reden – nicht indem Sie die Silben übermäßig dehnen, sondern indem Sie Pausen zwischen den Sätzen und auch zwischen Sinnabschnitten innerhalb längerer Sätze lassen! Seien Sie dem Kind ein Vorbild in dieser Art des ruhigen und strukturierten Sprechens! Verwenden Sie überhaupt lieber kürzere Sätze und vermeiden Sie komplizierte Ausdrucksweisen, denn das Kind ist bestrebt, es Ihnen gleich zu tun. Und hören Sie Ihrem Kind geduldig zu! Wenn es ein Wort nicht herausbekommt, beenden Sie nicht anstelle des Kindes den Satz – auch wenn Sie längst wissen, was das Kind sagen will!

Die oben aufgeführten Empfehlungen für Erwachsene gelten sinngemäß auch für Kinder. Allerdings kommt der Wahrnehmung des Atems eine größere Bedeutung zu, da besonders kleinere Kinder häufig unmittelbar am Sprechbeginn, also nach dem Einatmen stottern. Die nachfolgend beschriebene Atemübung sollte auch dann durchgeführt werden, wenn keine Fehlatmung zu beobachten ist. Sehr wichtig: Alle unten vorgeschlagenen Übungen sollen spielerisch durchgeführt werden, ohne das Kind einem Leistungsdruck auszusetzen. Während der Übungen und auch sonst gilt: Stottern ist erlaubt!

Übungen

Atemübungen: Legen Sie dem Kind, während es auf dem Rücken liegt, ein leichtes Buch oder ein Plüschtier auf den Bauch, ermuntern Sie es, tief ein- und auszuatmen und zu beobachten, wie sich das Buch hebt und senkt! Alternativ kann die Übung auch im Sitzen mit den Händen auf dem Bauch durchgeführt werden. Lassen Sie dann beim Ausatmen Laute oder einfache Lautfolgen bilden: „m“, „l“, „ma“, „le“, „mimamo“, „lilalu“ usw. – sprechen Sie die Lautfolgen vor und lassen Sie das Kind nachsprechen! Machen Sie ein Spiel daraus, lassen Sie sich originelle, lustige Lautfolgen („Pseudowörter“) einfallen! Ziel der Übung ist nicht nur eine gute Bauchatmung, sondern vor allem das Wahrnehmen des Wechsels vom Einatmen zum Ausatmen: Nur beim Ausatmen sollen Laute gebildet werden.

Hör- und Sprechübungen: Regen Sie das Kind dazu an, beim Sprechen auf seine Stimme zu hören! Das kann beispielsweise dadurch geschehen, dass das Kind verschiedene Rollen spielt und dabei mit verstellter Stimme spricht, und Sie erraten, was für eine Rolle das Kind jeweils darstellt. Oder Sie improvisieren gemeinsam mit dem Kind kleine Theaterstücke oder spielen bekannte Märchen nach – mit Handpuppen oder mit einfacher Verkleidung. Das Sprechen in einer Rolle, besonders mit verstellter Stimme, führt häufig unmittelbar zu einer Verminderung des Stotterns, sodass das Kind mehr Vertrauen in sein Sprechen gewinnt.

Sie können die Theaterspiel-Übung folgendermaßen erweitern: Erklären Sie dem Kind, was ein Souffleur im Theater tut (er sitzt in einem Kasten unter der Bühne, sodass er für die Zuschauer unsichtbar ist, und spricht den Schauspielern leise die Rollentexte vor). Nun sind Sie der Souffleur und das Kind der Schauspieler. Sie sprechen leise, nicht zu schnell und mit Pausen einen „Rollentext“ vor, den das Kind genau und laut nachsprechen soll (dabei muss es nicht unbedingt die Stimme verstellen). Anfangs können Sie die Pausen so lang machen, dass das Kind einen kurzen Abschnitt von wenigen Worten hört, ihn nachspricht, dann den nächsten Abschnitt hört usw. Wenn das klappt, verkürzen Sie die Pausen, sodass das Kind gleichzeitig zuhören und sprechen muss. Man bezeichnet diese Übung als „Schattensprechen“. Dabei tritt gewöhnlich kaum Stottern auf, sodass auch diese Übung dazu beiträgt, die Zuversicht des Kindes hinsichtlich des Sprechens zu stärken.

Wenn das Kind bereits lesen kann, können Sie mit ihm im Chor lesen. Auch während dieses „Unisono-Sprechens“ tritt gewöhnlich kaum Stottern auf. Achten Sie beim Lesen darauf, deutliche Pausen zwischen den Sätzen und zwischen Sinnabschnitten innerhalb der Sätze zu machen!

Die Sprechübungen sollten mehrmals pro Woche über einen Zeitraum von einigen Wochen oder Monaten durchgeführt werden. Natürlich soll das Kind die Übungen freiwillig machen und Spaß dabei haben. Stottern ist während der Übungen immer erlaubt – es darf auf keinen Fall unterdrückt oder aktiv vermieden werden. Das Kind soll sich keinem Leistungsdruck ausgesetzt fühlen, was sein Sprechen betrifft – es sollte aber, wenn nötig, dazu angehalten werden, aufmerksam hinzuhören. Das Ziel der Sprechübungen ist, jene Netzwerke im Gehirn zu trainieren, die für die Einbeziehung der auditiven Rückmeldung in die Steuerung des Sprechens verantwortlich sind (auditive Rückmeldung = die Informationen, die das Gehirn über das Hören während des Sprechens aufnimmt und die es benötigt, um das fließende Sprechen zu steuern).

Die Übungen können begleitend zu einer professionellen Stottertherapie durchgeführt werden, sollen diese aber nicht ersetzen. Spätestens wenn sich das Stottern verstärkt und das Kind sichtbar darunter leidet (wenn es z.B. darüber klagt, sich stark anspannt oder das Sprechen vermeidet), sollte eine logopädische Praxis aufgesucht werden. Allerdings sind nicht alle Logopäden in gleichem Maße auf die Behandlung des Stotterns spezialisiert. Adressen von Stotter-Therapeuten in Ihrer Region erhalten Sie bei der Fachberatung für Betroffene und Angehörige der Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe e.V., Köln.

 

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